„Hätten wir dich so lassen sollen?“

Tintenfischalarm

Tintenfischalarm

Regie & Drehbuch:
Elisabeth Scharang

Erschienen:
2006

Dauer:
112 min.

Produktion:
Veit Heiduschka (Wega-Filmprodukitons GmbH)

Inhalt:
Die Dokumentation erzählt das Leben einer jungen Frau, die, mit nicht eindeutigem Geschlecht geboren, auf Anraten der Ärzte bereits im Alter von zwei Jahren zum ersten Mal operiert wurde, um schließlich von Jürgen zu Alexandra zu werden. Eine Penisamputation findet mit sechs Jahren statt, eine Hodenamputation mit zehn Jahren. Erst mit 12 Jahren, als Alex versucht, ein Tampon zu benutzen und scheitert, erkennt sie, dass mit ihrem Geschlecht etwas nicht stimmt – zu diesem Zeitpunkt wird sie von ihren Eltern eingeweiht. Mit 16 Jahren erfolgt eine Vaginalplastik und danach eine schwere körperliche und seelische Krise: Bei Alex wird im Alter von 19 Jahren Leukämie diagnostiziert. Nach einer Stammzellenspende des Bruders folgen drei Jahre im Rollstuhl. Die 26-jährige Alex erzählt Elisabeth Scharang tagebuchartig die verschiedenen Stationen und wichtigsten Begebenheiten ihres Lebens. Sie spricht offen von ihrer schweren Krebserkrankung, die sie darauf zurückführt, dass sie einst ihren Körper hasste, über ihre Eltern, denen man von ärztlicher Seite empfahl, sie über ihre Situation nicht aufzuklären, ihre Einsamkeit und Beziehungslosigkeit, die Schmerzen und Qualen nach ihren verschiedenen Operationen und schließlich auch über ihren Entschluss Hormone zu nehmen, um wieder zu einem Mann zu werden.

Meinung:
Eine absolut einzigartige und auch sehr bewegende Dokumentation. Erkenntnisse, die man nicht erwartet. Ein Leben, wie man es sich kaum vorstellen kann. Alex Jürgen gibt in „Tintenfischalarm“ einen tiefen Einblick in Gefühlswelten, beschreibt ein Leben im Kampf gesellschaftlichen Konventionen und den Weg zur Akzeptanz. Mädchen spielen mit Puppen, Jungs mit Autos. Alles muss schwarz oder weiß sein. Aber was im Leben ist schon eindeutig eines von beiden? Bei jedem verschwimmen die Grenzen, bei den einen mehr, bei anderen weniger. Wo ist findet man Platz in dieser, unserer Gesellschaft, ist eine Frage, die sich Alex auch stellt. Und die Suche nach diesem Platz zu begleiten, ist höchst interessant, berührend und auch schockierend. Wenn die Mutter zitiert wird:“ Hätten wir dich SO lassen sollen?„, muss man schon schlucken. Einerseits fragt man sich, wie die Eltern so über den Kopf ihres Kindes hinweg entscheiden konnten, ihm so die eine Rolle aufgedrückt haben, andererseits beginnt man schon auch darüber nachzugrübeln, was man an ihrer Stelle getan hätte. Denn eines ist unumstritten, die gesellschaftliche Toleranz lässt auch heute noch zu wünschen übrig.

Was hättet ihr getan?

Über drei Jahre begleitet Elisabeth Scharang Alex und somit setzt sich die Dokumentation aus Videotagebucheinträgen zusammen. Sie zeigen, ein Leben zwischen den Welten, zwischen den Geschlechterrollen und auch zwischen den Erwartungen. Ein Film, auf den man nur sehr selten stößt, der auf seine Weise die Intoleranz der Gesellschaft kritisiert. Der aufzeigt, was eine scheinbar kleine Entscheidung alles auslösen und lostreten kann. Ein Film, der zeigt, dass anders zu sein, auch mehr als nur in Ordnung ist.

Manchmal würde es sicher einen etwas seriöseren Weg geben, Dinge zu präsentieren, allerdings würde ein solcher nicht zur Offenheit und Direktheit von Alex passen.
Man hört Ärzte, Therapeuten, aber auch Betroffene – Mitglieder einer Selbsthilfegruppe von so genannter xy-Frauen und Transsexuellen. Sie berichten von ihren Erfahrungen, ihren Begegnungen und zeigen die Lebensumstände, die Möglichkeiten aber auch die gesellschaftlichen und persönlichen Abgründe von intersexuellen Menschen.

Fazit:
Eine ganz und gar ungewöhnliche, aber hochinteressante Dokumentation, von der man vieles mitnehmen kann. Auch ohne besonderes Interesse für Themen wie dieses, durchaus ein Film, mit dem man sich auseinandersetzen sollte.

Glück finde ich, wenn’s mir gut geht, so wie ich bin. Und ich bin halt einfach ein wenig dazwischen.“
– Alex Jürgen

Was hättet ihr getan? Wie hättet ihr entschieden?
Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass mich diese Frage überfordert. Ich kann heute nicht sagen, was ich tun würde, wie ich für mein Kind entscheiden würde. Und ob ich überhaupt diese Entscheidung treffen würde. Ich weiß es wirklich nicht.  Würde ich mein Kind in eine Geschlechterrolle zwingen, um ihm ein normales Leben zu schenken? Ein normales Leben – ist normal wirklich immer so gut? Meinen Kindern würde ich vor allem ein glückliches Leben wünschen. Was sie glücklich macht und wie viel Glück sie einmal haben werden, liegt leider nicht in meinen Händen.

Trailer
Bildquelle

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