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Das ist also das Ende.

Ein Schuss. Ein Schuss und alles hat sich verändert. Er hat den Wachmann einfach erschossen. Ohne mit der Wimper zu zucken. Jeder von uns kann der Nächste sein. Ich kann die Nächste sein. Er muss nur den Abzug betätigen. Das habe ich heut Morgen eindeutig nicht erwartet. Gute Güte, ich möchte einfach nur meinen langweiligen Arbeitstag zurück.
Nur Zahlen. Nur Kunden. Nur Scheine. Keine Waffen. Keine Bedrohung. Keine Leiche neben mir. Ich sollte etwas sagen. Mit ihm reden. Versuchen, ihn zu beruhigen. Vielleicht tut er es dann nicht wieder. Abfeuern. Die Waffe. In seiner Hand. Er ist viel zu hektisch. Fuchtelt herum, brüllt. Bitte. Tu mir nichts. Ich bin nur eine Angestellte. Eine Geisel. Ein Opfer. Bitte. Tu niemandem was. Geh einfach.

Sirenen vor der Tür. Die Polizei. Endlich. Gut, dass ich nicht vergessen habe, den Stillen Alarm zu betätigen. Leider nicht schnell genug. Zu spät. Für den Wachmann. Wie hieß er noch? Schluchzen. Von wem kommt das panische Heulen? „Ruhe! Verdammt nochmal!“,, brüllt er. Sinnlos, so wird es nur schlimmer. Kapiert er das nicht? „Ich sagte, du sollst gefälligst still sein!“, wiederholt er und richtet seine Waffe auf sie. Ein Schaudern geht durch den Raum. Die Stille. Drückender als zuvor. Die Atmosphäre spannungsgeladen. Alle Augen auf ihn gerichtet. Zum ersten Mal betrachte ich die Angesprochene richtig.
Eine junge Frau. Etwa mein Alter. Shit. Sie ist schwanger. Hochschwanger. Ich muss etwas tun. Ihre Hysterie macht ihn unruhiger. Was wir absolut nicht gebrauchen können. „So machen Sie es auch nicht besser. Das ist Ihnen schon klar, oder?“, tönt es auf einmal. Ich brauche ein paar Momente, um zu begreifen, von wem das gekommen ist. Als er sich langsam umdreht wird es mir klar. Ich habe das gesagt.

Okay, jetzt gibt es kein zurück mehr. „Was erwarten Sie? Wenn Sie jemandem mit dem Ding vor der Nase rumfuchteln machen Sie alles nur noch schlimmer.“ Der Gedanke, dass es vielleicht nicht sonderlich klug von mir ist, ihn so zu reizen, kommt mir erst jetzt. Zu spät.
Ich hole tief Luft. Okay. Wer A sagt, muss auch B sagen. „Nehmen Sie das Ding runter. Lassen Sie mich zu ihr gehen. Und helfen.“ Ohne auf seine Antwort zu warten, stehe ich auf. Dumm. Ruckartig richtet er seine Waffe auf mich.

Eine Glock. Völlig irrational habe ich diese Erinnerung vor Augen. Ich habe auch mal eine in der Hand gehabt. Vor Jahren. Ein gutes Gefühl. Jetzt ist es vorbei, schießt es mir in den Kopf. Er braucht nur den Abzug zu betätigen. Eine kleine Bewegung. Und alles ist vorbei.
Irgendwo in meinem Hinterkopf ist auf einmal dieser Song. Diese eine Zeile. „If you pull the trigger“. Ohne Zusammenhang. Ich muss ein nervöses Lachen unterdrücken. Timing ist alles. Moment. Langsam zurück in die Gegenwart.

Er hat nicht abgedrückt. Noch nicht. Vorsichtig sehe ich ihm in die Augen. Eisblau. Kalt. Sekunden vergehen. Alles hält den Atem an. Er nickt. Erleichtert atme ich aus. Vorsichtig. Der erste Schritt. Immer noch warte ich auf den Schuss. Er kommt nicht. Ungeschickt stolpere ich weiter. Nicht gut. Meine Ungeschicklichkeit gefällt ihm nicht.
Er richtet sie wieder auf mich. In mir zieht sich alles zusammen. Nur noch zwei Schritte. Langsam gehe ich zu Boden. Knie mich neben sie. Nach Luft ringend schluchzt sie weiter. Panikattacke. Ganz klar. Wer kann es ihr verübeln?

Ich nehme ihre Hände und schaue ihr sanft in die Augen. Tiefbraun. Weit Aufgerissen. Voller Panik. Eine Welle jäher Zuneigung erfasst mich. Für diese Fremde. Ich versuche ein Lächeln. Gott, wie kläglich muss es wirken. Was jetzt? „Hey.“, versuche ich. Wow. Das klang sogar halbwegs einfühlsam. „Versuch tief einzuatmen. Mit mir gemeinsam.“
Ich muss sie beruhigen. Wir alle empfinden die gleiche Panik. Die gleiche Todesangst. Doch wir wissen, wie gefährlich es ist. Gefährlich, ihn zu reizen. „Tief einatmen und langsam ausatmen.“, sage ich zu ihr. Komm schon. Mach mit! Lass dich auf mich ein.

Zittern. Zittern ohne Ende. Hinter uns läuft er auf und ab. Nervös. Was will er? Ihr Schluchzen beruhigt sich langsam etwas. Geistig spiele ich das Geschehene erneut ab. Er kommt rein. Erschießt den Wachmann. Bedroht uns. „Auf den Boden!“ Doch was will er? „Ich w-w-wi-will nicht s-sterben.“, schluchzt sie. Die Waffe beunruhigt sie.
Die Leiche noch mehr. „Sie nur mich an. Alles wird wieder gut. Vertrau mir.“ Ich traue mich lediglich zu flüstern. Er kommt er näher. Misstrauisch. Verdammt.

„Was soll das Geflüster?“ Stille. Ich schlucke. Ein Klicken. Vor mir reißt sie die Augen auf. Ich fahre herum. Blicke in den Lauf seiner Waffe. Einer Glock. Erschrocken keuche ich auf. Will zurückzucken. Verharre jedoch regungslos. Panik und Adrenalin pulsieren in mir. Das ist das Ende. So geht man also mit einem Knall. Galgenhumor. Unzusammenhängende Gedanken.
Noch mehr Angst. Zitternd hebe ich meinen Blick. Suche den seinen. Kälte. Kein Mitleid. Bitte. Bitte lass mich am leben. Innerlich flehe ich ihn an. Doch kein Ton kommt über meine Lippen.

Ich halte seinen Blick. Was soll ich tun? „Aufstehen!“, kommt es von ihm. Leise. Bedrohlich leise. Zitternd erhebe ich mich. Ohne seinen Blick loszulassen. Keine Sekunde lang. Ich erschaudere von der Kälte in seinen Augen. Unmenschlich. Taubheit breitet sich in mir aus.
Sollte jetzt nicht eigentlich mein Leben an mir vorüberziehen? Sollte mein Inneres nicht übergehen? Vor Emotionen? Vor Erinnerungen? Doch da ist nichts. Nur Taubheit. Nur Leere. Nur Kälte. Nur die Stille vor dem Abgrund. Kaltes Metall an meiner Stirn. Kalte Augen vor mir. Das ist also das Ende. Keine Rettung in letzter Minute. Keine heldenhaften Rettungsversuche. Nur Metall, Kälte und Stille.

Das ist also das Ende.

Ich würde mich wirklich sehr über Feedback jeder Art freuen 🙂
Und noch zur Erklärung, der Arbeitsauftrag war, einen Inneren Monolog während einer Geiselnahme zu verfassen.

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4 Kommentare zu „Das ist also das Ende.

  1. Woah. Ich bin jetzt noch ganz angespannt. Du hast die Atmosphäre wirklich gut eingefangen und wiedergegeben.
    Das kurze Stück, das im WordPress-Reader angezeigt wurde, hat mich direkt neugierig gemacht und mich gespannt weiter lesen lassen.

    Sehr gut finde ich die kurzen Sätze, die oft nur aus einem Wort bestehen. Die machen das ganze irgendwie… authentisch. Und das Ende O.O War’s das wirklich? Ich hasse offene Enden, aber hier ist es wirklich sehr gut platziert.

    1. Erstmal vielen Dank, fürs Lesen und für das Feedback 🙂
      Freut mich, dass es dir gefallen hat.
      Ja, das Ende sollte so sein, da ich den Ausgang des Ganzen jedem selbst überlassen wollte. Wer weiß, vielleicht hat er ja doch nicht abgedrückt 😉

      Liebe Grüße und Danke
      Smarty

  2. Grundgütiger, was war ich erleichtert, als ich am Ende das Stück mit dem „Arbeitsauftrag“ las. Puh. Ich denke, das ist das beste Feedback, das ich dir geben kann: ich hab dir geglaubt. Ich hab es dir abgekauft. In meinem Kopf überschlugen sich die Fragen:
    „Was ist ihr denn jetzt passiert?!“
    „Nicht ernsthaft, oder?!“
    „Das kann doch nicht wahr sein?!“
    „Vielleicht steht am Ende, was dieser Beitrag bedeutet?!…Bitte lass am Ende stehen, dass das nicht wirklich passiert ist!“

    Du hast mich sehr erfolgreich rein gelegt, Chapeau. 😉

    Liebe Grüße,
    Elli

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