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Lauf.

Meine letzte Chance. Meine einzige Chance. Jetzt oder nie. Meine Lungen brennen, meine Muskeln schmerzen, meine Sicht verschwimmt. Dunkelheit macht sich breit. Doch wie könnte ich aufhören? Wie könnte ich einfach aufgeben? Wie? So eine Chance bekomme ich nie wieder. Schneller. Ich muss noch schneller laufen. Schnell wie der Wind. Oder zumindest schneller als er.

Nie wieder. Nie wieder will ich zurück. Zurück in dieses Loch. In mein Gefängnis. Meine ganz persönliche Hölle. Bewacht von Cerberus persönlich und regelmäßig besucht von ihm. Dem personifizierten Bösen. Dem Teufel selbst. Noch ein Schritt. Noch ein Meter. Und ich bin frei. Muss nie mehr zurück. Nie mehr zittern, nie mehr fürchten, nie mehr bangen.

Ich kann nicht schneller. Ich kann nicht weiter. Ich kann nicht mehr. Tränen. Schluchzen. Zittern. Aber ich muss. Weiter. Schneller. Jetzt. Oder ich muss zurück… Nein! Nie wieder! Ich sammle meine verbliebenen Kräfte. Stähle meinen Willen. Ich werfe einen hastigen Blick über meine Schulter. Reiße meinen Kopf wieder herum. Fixiere mein Ziel in der Ferne und laufe weiter. Mein Ziel. Die Freiheit.

Er ist immer noch hinter mir. In sicherer Entfernung. „Ha“, entfährt es mir, atemlos. Entfernung, vielleicht. Aber sicher, sicher ist es noch lange nicht. „Komm schon!“, murmle ich um mich mehr anzuspornen. Ich kann noch mehr geben. Ich kann alles geben. Ich muss! Denn meine Freiheit ist alles wert. Und noch so viel mehr. Ich denke an ihn und seine Taten. Gänsehaut. Ein Schaudern durchfährt mich. Der Gedanke allein macht mir panische Angst. Und gibt mir Kraft.

Tränen laufen über meine Wangen, mein Kräfte schwinden. „Nein!“ stöhne ich. „Ich werde bestimmt nicht aufgeben“, sage ich mir. Ich beiße die Zähne zusammen und laufe weiter. Weiter ins Ungewisse. „Denn alles ist besser als zurück.“ Ungewiss, ob er mich nicht doch noch einholt. Unsicher, ob ich meiner Vergangenheit entkommen kann. Ob ich ihm entkommen kann.

Denn wenn sich ein Entkommen aus einer ausweglosen Situation anbietet, dann gibt man nicht einfach auf. Man gibt alles und noch mehr. Genau das werde ich tun. Was mir blüht, wenn ich scheitere. Daran denke ich jetzt nicht. Oder doch? Vielleicht lässt mich die Angst davor noch schneller laufen. Noch weiter laufen. Nicht aufgeben.

Ein hastiger Blick über die Schulter. Außer Sichtweite. Aber noch lange nicht sicher. Schneller. Weiter. Verstecken? Vielleicht sollte ich mich einfach verstecken. Eine vage Erinnerung regt sich in mir. „Hmmm, wo ist sie denn nur?“ Ein boshaftes Grinsen. „Verdammt. Sie ist sooo gut im Verstecken, ich werde sie nie finden.“ Grausames Lachen. „Oder was denkst du?“, fragt er und sieht mich direkt an.. In meinem genialen Versteck. Wohl doch nicht so genial. Shit.

Ich kann mich nicht verstecken. Ich kann ihm nicht entkommen. Oder doch? Ich muss es zumindest versuchen. Auch wenn ich will, ich kann nicht ewig weglaufen. Also muss ich versuchen mich zu verstecken. Eine kurze Pause. Wieder etwas zu Kräften kommen. Etwas Ausruhen. Und Durst. Ich brauche Wasser. Meine Kehle brennt bereits lichterloh. Genau wie meine Muskeln. Aber wenn er mich erwischt. Wenn er mich erwischt wird alles brennen. Ich werde brennen. Wenn. „Wird er aber nicht!“, stoße ich zwischen meinen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er darf einfach nicht, wohl eher, verbessere ich mich. Ich verbiete mir selbst Hoffnung zu schöpfen. Hoffnung kann mein Ende sein. Sie würde mich blind machen. Wer lange Zeit in totaler Finsternis zugebracht hat, muss sich auch langsam an das Licht am Ende des Tunnels herantasten. Richtig? Und genau das mache ich. Das Licht am Ende des Tunnels sehen. Ich höre Geräusche hinter mir. Panisch sehe ich mich nach einem Versteck um. Und laufe noch schneller. So schnell wie nie zu vor.

Ich laufe und laufe. Schneller. Weiter. Weg. Sehe mich um. Entdecke niemanden. Bin allein? Mein Herz rast. Meine Muskeln pochen vor Erschöpfung. Hoffnung breitet sich aus. Ich werde langsamer. Ich will frei sein. Richtig frei. Doch wie entkommt man einem Schatten? Erreicht man je das Licht? Ich weiß es nicht. Aber ich will es herausfinden. Ich werde es herausfinden. Und sollte es das letzte sein, was ich tue. Freiheit um jeden Preis.

Vorsichtig sehe ich mich um. Niemand weit und breit. Verängstigt. Um sicher zu gehen verstecke ich mich. Ringe nach Atem. Schaue mich um. Luge aus meinem Versteck. „Habe ich es wirklich geschafft?“ Kann es nicht glauben. Es sieht ganz danach aus. Erleichterung. Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Glückshormone strömen durch meinen Körper. Ich schließe die Augen und atme tief ein. Endlich frei.

Was für ein Gefühl. Himmelhochjauchzend. Endlich. Nach all der Zeit. Nach all den Qualen. Endlich entkommen. Wärme breitet sich in meinem Körper aus. Verschwitzt. Außer Atem. Erschöpft. Und über die Maßen glücklich. Auf in die Zukunft. Schritt für Schritt. Ein neues Leben. Hoffnung. Freude. Glück. Nie wieder. Ich lache laut auf. Vorbei mit Angst und Bangen. Nie wieder er. Ich habe es geschafft. Dieses Glücksgefühl. Nicht mit Worten zu beschreiben. Endlich bin ich frei.

Ich reiße die Augen auf. Schweißgebadet. Immer noch schwer atmend. Blinzelnd schaue ich mich um. Kalt. Eiskalt läuft es mir den Rücken herunter. Tränen strömen über meine Wangen. „N-nein!“, stammle ich. Das kann nicht wahr sein. „Was? Wieso?“ Es dämmert mir. Die Kälte breitet sich aus. Die Erkenntnis kommt. Mit ihr das Grauen. Grausam. Ein Kloß im Hals. Tränen in den Augen. Zittern. Verzweiflung im Herzen, wo eben noch Hoffnung war. Endgültige Finsternis, wo zuvor noch Licht war. Ich schlucke. Fassungslos. Kann es nicht länger zurückhalten. Zittern. Verzweiflung ohne Ende. Es war nur ein Traum. Ich habe geschlafen. Ich hatte nie eine Chance. Schluchzen. Ich bin ihm ausgeliefert. Werde nie entkommen. Bin für ewig verdammt und in der Hölle gefangen. Denn es war nur ein Traum.

————————————————————————————————-Ich würde mich wirklich sehr über Feedback jeder Art freuen, da ich mich auf jeden Fall noch verbessern möchte 🙂

Es handelt sich hierbei um einen weiteren Inneren Monolog – was mich dabei sehr interessieren würde: Wie interpretiert ihr die Situation? Um was geht es eurer Meinung nach? Ich bin schon gespannt und freue mich auf eure Antworten 🙂

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7 Kommentare zu „Lauf.

  1. Also ich finde es sehr gut! Da hab ich wieder das Gefühl, dass alles was ich schreibe total doof klingt, vielleicht tut’s das ja auch 😮
    Finde du hast das Gefühl der Angst voll gut beschrieben, dann auch wie die Hoffnung in einem aufsteigt und wieder zerplatzt… Gefällt mir wirklich gut. Meine Meinung ist wohl zum Verbessern eher nicht so gut, aber ich finde du musst dich nicht noch sehr verbessern, weil wie gesagt ist echt gut 😀
    Bei der Situation dachte ich jetzt daran, dass der Erzähler (hatte ein Mädchen im Kopf) entführt wurde und flüchten will bzw davon träumt. Wahrscheinlich geht es um ganz was anderes, weil ich glaube das meine Vermutung zu offensichtlich wäre, aber war halt so mein Gedanke 😛

    1. Ach was, ich kann dich beruhigen, das tut es mitnichten.
      Vielen Dank für das Feedback und auch die Komplimente 🙂
      Ich hatte beim Schreiben auch eher eine Frau im Kopf, aber kein konkretes Szenario.
      Deine Interpretation könnte allerdings gut hinkommen.

  2. Ich sehe es wie fissel, die intensiven Emotionen der Geschichte haben mich gepackt! Kompliment!

    Für mich persönlich gab es nur eine kleine Irritation: Ich konnte mir die Umgebung nicht vorstellen, der Text gab mir keinen Hinweis darauf und deshalb hatte ich Schwierigkeiten, mir die Flucht-Szene bildlich vorzustellen.
    Läuft sie (ja, auch ich hatte das Gefühl, eine junge Frau erzählt das) durch den Wald, schlagen ihr Zweige ins Gesicht, muss sie sich durchs Unterholz kämpfen? Oder ist sie auf einer Landstraße? Auf freiem Feld? Ist es Tag oder Nacht? Jedesmal wenn sie sich nach ihrem Verfolger umsieht, war das Gefühl besonders deutlich, dass die Erzählerin durch einen vagen, unrealen Nebel läuft – und das hat mich sehr schnell (schneller als beabsichtigt) daran denken lassen, dass alles nur ein Traum war.

    Und ich schließe mich auch fissel bei der Interpretation an, dass ein Entführungsopfer träumt, wie sie ihrem Entführer entkommen kann und dann in die bittere Realität aufwacht, dass sie alles nur geträumt hat.

    LG Gabi

    1. Da muss ich dir auch noch recht geben, zur Umgebung wurd nicht wirklich was gesagt. Bei mir entstand im Kopf das Bild, dass sie durch einen endlos langen Tunnel läuft, quasi eine Unterführung nur sehr lang eben 😛

    2. Vielen Dank und freut mich sehr, dass ich das geschafft habe 🙂
      Das war teils beabsichtigt und teils ein Versuch. Ich wollte der Vorstellung des Lesers so viele Freiheiten wie möglich einräumen. Und vor allem, wollte ich sehen, wie verschiedene Menschen die Szene wahrnehmen und die Lücken füllen.
      Aber du hast Recht, vielleicht wären ein oder zwei klarere Hinweise auf die Umgebung nicht schlecht gewesen.

      Liebe Grüße und nochmals danke

  3. Ich hatte seltsamer Weise direkt ein Bild im Kopf. Und mich hat es auch überrascht, dass es ein Traum war. Vielleicht bin ich eine sehr leichtgläubige Leserin!?

    Ich hatte jedenfalls einen lichten Wald vor Augen. In der Dämmerung. Glaube eher Morgendämmerung. Warum weiß ich auch nicht. Hab beim Lesen immer Kopfkino, da hab ich gar keinen Einfluss drauf. Ist aber eigentlich ganz cool.
    Ich hab allerdings weniger an ein Entführungsopfer, als viel mehr an eine junge Frau, die von ihrem Lebensgefährten misshandelt – ob schläge, sexuell oder sonst wie, darüber habe ich nicht nachgedacht – wird, gedacht.

    Die Angst hast du gut wiedergegeben und auch die Erschöpfung war geradezu körperlich zu spühren. Aber, anders als bei dem Monolog beim Überfall, waren es hier etwas zu viele von diesen 1-Wort-Sätzen für meinen Geschmack. Besonders ind diesem Abschnitt

    „Was für ein Gefühl. Himmelhochjauchzend. Endlich. Nach all der Zeit. Nach all den Qualen. Endlich entkommen. Wärme breitet sich in meinem Körper aus. Verschwitzt. Außer Atem. Erschöpft. Und über die Maßen glücklich. Auf in die Zukunft. Schritt für Schritt. Ein neues Leben. Hoffnung. Freude. Glück. Nie wieder. Ich lache laut auf. Vorbei mit Angst und Bangen. Nie wieder er. Ich habe es geschafft. Dieses Glücksgefühl. Nicht mit Worten zu beschreiben. Endlich bin ich frei.“

    finde ich die kurzen Sätze irgendwie nicht so richtig passend. Ich habe das Gefühl, dass zu viele Wörter für dieses eigentlich ja unbeschreibliche Gefühl benutzt werden. Ich hoffe du verstehst was ich meine…

    LG

    1. Das muss nicht unbedingt sein, vielleicht ist dir einfach nur schon mal ein ähnliches Szenario irgendwo untergekommen und hat sich mit dem gedeckt.
      Okay, das ist interessant zu wissen und klingt durchaus auch plausibel mit dem, was ich mir vorstellen könnte.

      Ja, versteh ich und kanns auch nachvollziehen. Es sollte halt die vielen Gedanken, die ihr auf einmal kommen widerspiegeln, aber das kam wohl nicht richtig rüber.

      Vielen Dank für das Feedback 🙂

      Liebe Grüße

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